Ecuador - Anden, Dschungel, Indianer

Eine Wikinger Reise
20. Juli bis 8. August 2006

Ein Reisebericht von Kurt.Merkert@web.de


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1. Tag Donnerstag
Um 4 Uhr heißt es aufstehen, um 5 Uhr steht mein Kollege vor der Tür. Er wird uns zum Flughafen nach Frankfurt fahren. Als wir gegen 6 Uhr dort ankommen, steht vor dem Iberia Schalter bereits eine große Warteschlange, doch erstaunlicherweise geht die Abfertigung zügig von statten. Um 7:50 Uhr hebt das Flugzeug pünktlich Richtung Madrid ab. Wie man sofort erkennt, hat die Maschine schon viele Jahre Flugerfahrung hinter sich, ziemlich neu ist aber, dass es während der gut zwei Stunden Flugzeit Getränke und Snacks nur gegen Bezahlung gibt. Für mich ist es die erste Landung auf dem neuen Flughafen in Madrid, der sehr modern gestaltet ist, aber sehr weite Wege zu den anderen Abflugterminals hat. Für uns sind 23 Minuten ausgeschildert, die zum Teil mit einer Art U-Bahn zurückgelegt werden. Von der Erfahrung des Zubringerflugs her, suchen wir noch eine Gelegenheit uns mit Getränken einzudecken, aber außer Geschäften für Parfüm, Kleidung und Alkoholika finden wir nichts. Erst am Abfluggate gibt es neben der Toilette einen Getränkeautomat, der sogar Wasser enthält. Am Gate finden wir uns auch mit den anderen Gruppenteilnehmern zusammen. Wir sind insgesamt 17 Personen.
Gegen 12:30 Uhr - ziemlich pünktlich - beginnt unser 10 ½ stündiger Flug nach Quito. Der Airbus ist bis auf den letzten Platz besetzt, der Flug verläuft ohne besondere Vorkommnisse, wenn man das interessante Essen außen vorlässt; irgendwie schmeckt alles chemisch. Die Crew hat wohl den Flug verschlafen, denn erst kurz vor der Landung wird noch einmal ein Imbiss serviert, und dann merkt man, dass auch die Einreiseformulare noch auszuteilen sind. Die entstehende Hektik wäre vollkommen überflüssig, hätte man nur etwas früher begonnen. Die Landung in Quito ist sehr interessant, da der Flughafen von hohen Bergen umringt, sich mitten in der Millionenstadt befindet.
Nach der Landung ist unser Gepäck vollständig vorhanden, und auch unseren Reiseleiter finden wir mit einem Wikinger Schild in der Hand sehr schnell. Dann geht es direkt mit einem Bus - auch mit Wikinger Beschriftung - quer durch die Stadt in ein etwas höher gelegenes Hotel, von dem aus man eine sehr schöne Sicht auf die Stadt und den Vulkan Pichincha hat. Allerdings ist man auch dem ganzen Lärm der Stadt sowie dem Dreck und den Abgasen aller Autos ausgesetzt.
Wir bekommen sehr schnell Kopfschmerzen, kein Wunder, Quito liegt auf 3000 m Höhe. Wir gehen noch eine Kleinigkeit essen, um danach todmüde - nach über 24 Stunden des Wachseins - ins Bett zu fallen.
 
2. Tag Freitag
Die Nacht war sehr laut, sodass man keine Schwierigkeiten hat, um 7 Uhr zum Frühstück fertig zu sein. Andrea muss das riesige Frühstücksbuffet - es sollte das beste der ganzen Reise sein - alleine in Angriff nehmen. Mir geht es nicht besonders gut, und ich lege mich noch einmal auf das Bett.
Um 9 Uhr ist Abfahrt zur Stadtbesichtigung. Nur unterbrochen von einer kurzen Pause in einem Café, in einem schönen Innenhof gelegen, ziehen wir bis 15 Uhr durch die Altstadt. Quito gilt als eine der schönsten und besterhaltenen kolonialen Städte Südamerikas. Es ist geprägt von vielen kirchlichen Bauten, und da man in den letzten Jahren einiges in die Restaurierung gesteckt hat, auch von sehr schönen alten Kolonialhäusern. Es herrscht ein ungeheures Getümmel von Menschen aller Volksgruppen. Jeder versucht irgendwie Geld zu verdienen, und wegen der doch sehr verbreiteten Armut, muss man gut auf seine Sachen aufpassen. Man kann die Sicherheit aber ganz einfach steigern, indem man einem Polizisten ein Trinkgeld verspricht, und schon hat man seinen persönlichen Bodyguard. Er ist schon froh, wenn es anschließend für eine Cola reicht. Öffentliche Toiletten gibt es nur als Dixitoiletten, aber die sind erstaunlich sauber, obwohl sie oft von Blinden betreut werden. Schlimm, und für unsere Kopfschmerzen alles andere als günstig, sind nur die permanenten Autoabgase in der Luft.
Am Nachmittag besuchen wir das Nationalmuseum. Auf vorbildliche Weise wird hier die Kulturgeschichte Ecuadors von 3000 vor Christus bis heute dargestellt. Und als ob das alles noch nicht genug an Besichtigungen wäre, fahren wir gegen 17:30 Uhr noch mit der Seilbahn auf 4100 m Höhe auf die Hänge des Vulkans Pichincha. Hier verhindert eine Wolkendecke allerdings eine bessere Sicht auf Quito. Als wir gegen 18 Uhr wieder im Hotel landen, sind alle ziemlich geschafft. Mir geht es immer noch nicht viel besser, so nehme ich noch mal eine Tablette gegen die Höhenkrankheit.
Zum Abschluss des Tages suchen wir wieder das Restaurant vom Vortag auf. Dieses Mal essen fast alle Steak, deren Qualität ausgezeichnet ist. Da es mir inzwischen besser geht, genehmige ich mir als Abschluss sogar einen Pisco sour.
 
3. Tag Samstag
6 Uhr aufstehen, 7 Uhr Frühstück. Heute geht es mir sehr viel besser, so dass auch ich am wirklich hervorragenden Frühstücksbuffet teilhaben kann. Nur das Bezahlen erfordert unendliche Geduld. Man steht in einer langen Schlange an, und als man endlich an der Reihe ist, erfährt man, dass eine zweite Schlange diejenige zum Bezahlen sei, aber wir haben ja Urlaub.
Um 9 Uhr ist Abfahrt vom Hotel. Wir quälen uns durch den Verkehr der Millionenstadt, um dann außerhalb Quitos der Panamericana nach Norden zu folgen. Die Landschaft ist anfangs sehr trocken. Nach einer Stunde überqueren wir die erste Querkordilliere der Anden und es wird feuchter. Hier gibt es riesige Gewächshausanlagen zur Rosenzucht. Sie werden von holländischen und deutschen Unternehmen betrieben. Angeblich wachsen die Rosen hier in dem Klima besser als in Europa, allerdings verschweigt man gerne, dass man hier nur Hungerlöhne zahlt, und es keinerlei Umweltauflagen gibt. Es sind die reinsten Giftküchen. Die durchschnittliche Lebenserwartung der überwiegend weiblichen Arbeitskräfte liegt bei 45 Jahren. Eine Besuchserlaubnis für Touristen bekommt man nicht.
Wir überqueren nördlich von Cayambe den Äquator, und vorbei an der Lagune San Pablo erreichen wir Otavalo, wo wir in einer alten Hacienda untergebracht werden. Die Zimmer machen einen ordentlichen Eindruck, zumindest solange man nicht genauer hinschaut.
Wir gehen dann direkt auf den größten Indianermarkt Südamerikas. Fast die halbe Stadt ist mit Marktständen belegt. Es gibt einen Bereich für Touristen und einen auf dem die Einheimischen einkaufen. Dieser ist aber überwiegend mit chinesischen Produkten bestückt. Es ist unglaublich, aber trotz hoher Importzölle sind diese Produkte billiger als die einheimischen, obwohl die Löhne in Ecuador alles andere als hoch sind. Im Touristenbereich des Marktes gibt es alle Arten von Webwaren und sehr viel Kunsthandwerk. Wir fragen uns bei den sich immer wiederholenden Mustern und Produkten, ob wirklich noch alles Handarbeit ist. Am besten gefallen uns der Lebensmittelbereich und die vielen Garküchen. Es ist fantastisch, was hier alles gekocht, gebraten und in welcher Form auch immer angeboten wird. Für uns sind die Speisen aber noch tabu, da sich unsere Mägen noch nicht auf die ecuadorianischen Keime eingestellt haben.
Am späten Nachmittag machen wir noch eine 2-stündige Wanderung von der Lagune San Pablo aus zum Wasserfall von Peguche und zurück nach Otavalo. Eigentlich sind wir nach einer Stunde bereits am Ziel; woher wusste nur unser Führer, dass Gisela verloren gehen würde, und wegen der erfolglosen Suche nach ihr die Tour doch 2 Stunden dauert? Als wir um 18 Uhr die Hacienda erreichen, erwartet uns dort eine bereits frisch geduschte Gisela, die während wir sie suchten, zu Fuß ihre eigene Abkürzung zur Unterkunft gefunden hat.
Das Abendessen findet in der Hacienda statt und wird sowohl von einer Folkloreband als auch von vom Reiseveranstalter gestiftetem warmen Zuckerrohrschnaps begleitet, was zu ungeahnten Aktivitäten führen soll. Unser Fahrer Gonzalo schafft es, nahezu die ganze Truppe für fast zwei Stunden auf die Tanzfläche zu bringen.
 
4. Tag Sonntag
Heute fahren wir zuerst den Sonntagsmarkt in Ibarra an. Dies ist ein reiner Markt für die Einheimischen ohne Touristenprodukte. Hier decken wir uns mit Verpflegung ein. Es werden die unglaublichsten Dinge als Lebensmittel angeboten. Mit den Mengenangaben haben wir anfangs Probleme, bis wir kapieren, dass alles, was wir kaufen, jeweils 50 Cent kostet. Überhaupt klappt die Verständigung mit unseren wenigen Spanischkenntnissen - aber umso mehr Handbewegungen - recht gut. Wir erfragen sogar eine Bäckerei, und finden die auch. Hätten wir sie nur nicht gefunden; die Brötchen erweisen sich bei der Mittagspause als reinste Semmelbröselproduktion.
Dann geht es direkt weiter zur Lagune Cuicocha, die sich in einem erloschenen Krater gebildet hat. Wir werden sie auf dem Kraterrand in vier Stunden umwandern. Zu Beginn bläst der Wind in Sturmstärke, sodass sich die wunderschönen Blumen kaum fotografieren lassen. Die Wanderung erstreckt sich in flottem auf und ab in einer Höhe von 3.500 m, was uns ganz schön zu schaffen macht. Wir sind noch nicht richtig akklimatisiert. Wegen des Sturms ist die Mittagsrast auf 3.670 m recht kurz, und wir werden total eingestaubt. Doch gerade wegen des Windes regnet es bei uns nicht. Die umliegenden Vulkane Cotacachi und Imbabura sind in Regenwolken gehüllt.
Gegen 16:30 Uhr fahren wir mit unserem Bus weiter Richtung Süden. Wir halten am alten Äquatordenkmal - das muss ja schließlich fotografiert werden - und über Cayambe geht es weiter zur ältesten Hacienda Ecuadors aus dem Jahre 1585, wo wir in der Dämmerung eintreffen. Wir werden in rustikal mit einer Feuerstelle ausgerüsteten, liebevoll hergerichteten alten Zimmern - mit Dusche und WC - untergebracht. In der Hacienda essen wir auch zu Abend. An diesem Tag passiert nichts mehr Aufregendes, und wir fallen alle recht früh in die Betten.
 
5. Tag Montag
Um 7:30 Uhr ist Frühstück nach Karte angesagt. Man kann sogar richtigen Joghurt bestellen, ansonsten ist das Frühstück - na ja, dafür ist es zusammen mit dem Abendessen das bisher teuerste der Reise. Anschließend besichtigen wir die Anlage der Hacienda. In der angeschlossenen Kirche hat der Eigentümer eine kleine Fotosammlung über die Familienreisen Anfang des 20. Jahrhunderts in die Zentren Europas Paris, Berlin, Nizza und Rom ausgestellt. Man erwähnt nur nicht, dass, während man sich in Europa vergnügte, bis in die 20er Jahre zu Hause in Ecuador die Indianer auf der Hacienda als Leibeigene gehalten wurden. Heute ist nicht mehr genug Geld da, und es verfällt alles langsam.
Anschließend fahren wir durch mehrere arme Indianerdörfer zur Inkaruine Quito Loma hinauf. Unterwegs halten wir nur einmal zum Brötchenkauf, dieses Mal werden sie aber nach dem gestrigen Reinfall sofort in der Bäckerei getestet. Am Ende des Fahrwegs müssen wir noch 120 m aufsteigen, allerdings erkennt man nicht mehr viel von der Ruine. Danach bringt uns der Bus noch ein paar Kilometer weiter, bevor wir zwei Stunden durch das Bauernland der Indianer laufen. Es ist teilweise erschreckend ansehen zu müssen, in welchen Verhältnissen sie leben. Wir sehen auch eine Schule, aber in welchem Zustand! Die meisten Kinder gehen nur bis zur 6. Klasse in die Schule, dann kostet es Geld, und das haben die wenigsten Eltern.
Nachdem wir den Bus wieder erreicht haben, geht es drei Stunden ohne Halt bis zur Hacienda La Cienega in der Nähe des Cotopaxi Nationalparks. Sie soll aus dem Jahre 1580 stammen. Damit wäre sie älter als die angeblich älteste von gestern; was stimmt wohl? Man wirbt damit, dass Alexander von Humboldt 1802 hier war, und verweist auf eine sehr schöne Humboldt-Suite in der er 1802 gewohnt haben soll, als er seine Studien am Cotopaxi vornahm. Leider ist die Hacienda beim großen Erdbeben vom 4. Februar 1797 zerstört worden, und war zu der Zeit als Humboldt vor Ort war eine Ruine. Sie wurde erst danach wieder aufgebaut. Damit hat sich auch die Frage nach der ältesten Hacienda geklärt, aber die Darstellung der Hotelleitung ist natürlich werbewirksamer.
Trotzdem handelt sich um eine wunderschöne stilvoll eingerichtete Anlage mit einer großen Anzahl von Hotelangestellten. Entsprechend sind auch die Restaurantpreise, d. h. genau genommen sind die Preise nicht höher als bisher, nur sind die Essenportionen viel kleiner, und auch die Getränkeflaschen sind nur halb so groß wie die bisherigen.
Nachdem es seit vorgestern im hinteren Teil des Busses ständig nach Abgasen gerochen hat, soll der Bus heute Abend ausgetauscht werden. Unser Fahrer ist stocksauer, denn er ist an den Bus gebunden, und so gehen ihm zwei Wochen Verdienst verloren.
 
6. Tag Dienstag
Um 7 Uhr gibt es Frühstück und dann fährt uns der Bus auf eine Höhe von 3.800 m in den Cotopaxi Nationalpark. Wir werden nun 3 Stunden über die karge, mit Vulkangestein und von an das raue Klima angepassten niedrig wachsenden Pflanzen bedeckte Hochebene wandern. Leider lässt das Wetter nur sekundenlang einen Blick auf den mit 5.897 m höchsten aktiven Vulkan der Erde, den Cotopaxi zu. Gott sei Dank regnet es wenigstens nicht. Wir erreichen erstmals die 4.000 m Grenze, sind bei der herrschenden Kälte und der nicht vorhandenen Fernsicht aber eigentlich alle ganz froh, als wir den Bus wieder erreichen.
Der Bus bringt uns anschließend wieder nach Norden bis auf die Höhe von Quito um dann nach Osten zum Papallacta Pass (4.064 m) abzubiegen. Nach dem Pass ändert sich die Vegetation. Es wird viel grüner und feuchter. Wir fahren abwärts zu den Thermen von Papallacta, die auf 3.220 m liegen. Hier werden wir in kleinen mit Gras bedeckten Hütten untergebracht. Jeder hat seinen eigenen Heißwasserpool vor der Tür. Doch ist das Wetter so ungemütlich, dass niemand das Angebot annimmt. Zum Glück haben die Zimmer eine Elektroheizung, an der wir unsere Sachen trocknen bzw. uns etwas aufwärmen können. Dies tut auch Not, denn richtig gesund sind die meisten von uns inzwischen nicht mehr. Beim guten Abendessen in dem der Anlage angeschlossenen Restaurant, hegen wir alle die Hoffnung, dass das Wetter morgen besser sein wird.
 
7. Tag Mittwoch
Um 5:30 Uhr gibt es eine Wetterbegutachtung. Das Ergebnis ist nicht berauschend, und so wird die geplante Wanderung abgesagt. Kaum liegen wir wieder im Bett, heißt es um 6:00 Kommando zurück. Roman hat einen blauen Fleck am Himmel gesichtet. Also ist 10 Minuten später Abfahrt mit dem Bus. Auf 4.300 m werden 10 tapfere Wikinger ohne Frühstück, dafür bei Minusgraden und starkem Wind, der mit Schneeflocken und Graupeln durchmischt ist, ausgeladen. Der blaue Fleck am Himmel war wohl eine Fata Morgana, oder hatte Roman am Abend zuvor zuviel getrunken?
Die nächste Wanderstunde wird ein einziges Rutschen über glitschigen Matsch nach unten werden. Dazu noch die Kälte und Nässe von außen und der Gedanke, dass acht Personen der Gruppe jetzt noch im wohlig warmen Bett liegen, lassen keine Hochstimmung aufkommen. Es wird langsam wärmer und auch trockner je tiefer wir kommen, sogar der Wind lässt nach, doch leider haben wir auch dieses Mal überhaupt keine Aussicht. Nach 4 ½ anstrengenden Stunden treffen wir wieder auf den Bus, der uns zu den Thermen zurückbringt.
Unsere Kleidung ist heute so verdreckt worden, dass der Nachmittag zum Waschtag umfunktioniert werden muss, doch bleibt noch genügend Zeit zur Erholung am und im warmen Wasser der Thermen. Nach dem Abendessen - wieder im gleichen Restaurant wie gestern - gehen alle sehr früh ins Bett, denn der morgige Tag wird wieder anstrengend werden.
 
8. Tag Donnerstag
5:45 Uhr Gepäck verladen, um 6:00 Uhr ist Abfahrt. Über die Qualität des Frühstücks im Thermenrestaurant können wir nichts aussagen, denn wir lassen es wieder ausfallen. Wir fahren heute bis nach Tena in den Regenwald, das heißt von 3.200 m geht es hinab auf 500 m. Je 100 Höhenmeter, die wir tiefer kommen, wird es ein Grad wärmer. Unterwegs machen wir in Orituyaco eine Frühstückspause in einer kleinen Gaststätte. Das Frühstück ist ausgezeichnet. Auf dem ersten Teil der Strecke ist die Straße noch asphaltiert. Sie führt hier direkt neben der skandalträchtigen Ölpipeline entlang, die vom Amazonasbecken über die Anden bis nach Guayaquil an den Pazifik führt. Da Ecuador zu den erdbebenreichsten Gegenden der Erde gehört, und es immer wieder kleinere Erschütterungen gibt, hat die Pipeline ständig irgendwelche Lecks, durch die das Öl im Erdreich und in den Flüssen versickert. Umweltvorschriften gibt es so gut wie keine.
Rechts und links der Straße ist der Regenwald auf 10 km abgeholzt und durch landwirtschaftliche Flächen mit all ihren schädlichen Nebeneffekten ersetzt. Nachdem die Straße in das Ölgebiet abgezweigt ist, fahren wir auf einer Piste weiter. Wir durchfahren das Sumaco Reservat und landen dann in Tena.
Hier schlagen die 31° C und die hohe Luftfeuchtigkeit wie ein Hammer auf uns ein. Tena ist ein chaotisches Urwaldstädtchen am Rande der Zivilisation. Wir werden alle mit Gummistiefeln ausgerüstet, und nach einer Stunde Aufenthalt geht es noch eine kurze Strecke mit dem Bus bis an den Rio Anzu. Hier beginnt unsere vierstündige Wanderung durch den Regenwald zu einer Urwaldlodge. Begleitet werden wir von Matildo, einem einheimischen Führer, der uns die Geheimnisse des Waldes liebevoll erklärt. Wir laufen durch Sekundärregenwald, d. h. er ist nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand, doch auch so ist die Vielfalt der Pflanzenwelt überwältigend.
Schweißgebadet erreichen wir nach vier Stunden die Lodge. Sie liegt hoch über dem steilen Ufer des Rio Anzu und bietet eine fantastische Aussicht. Für Urwaldverhältnisse sind wir bestens untergebracht; es gibt sogar Duschen, wenn auch nur kalt, aber das macht bei dieser Schwüle gar nichts. Das Essen ist auch gut, hier fungiert unser Matildo als Kellner, er macht einfach alles. Um 20:30 Uhr sind alle so müde, dass wir so früh bereits die Betten aufsuchen. Durch die exponierte Lage hoch über dem Rio Anzu fehlen allerdings nachts die von uns erhofften sonst so typischen Urwaldgeräusche.
 
9. Tag Freitag
Um 7 Uhr gibt es ein gutes Frühstück und um 8 Uhr geht es ab zu einer vierstündigen Wanderung, erst durch Sekundär- und dann durch bisher unberührten Primärregenwald. Gäbe es nicht einen schmalen Pfad, es wäre kein Durchkommen. Nach zwei Stunden bekommen wir die Erklärung, woher der Begriff Regenwald stammt. Wir geraten in ein Gewitter, mit solchen Regenmassen, wie ich sie im ganzen Leben noch nicht gesehen habe. Egal mit was wir uns zu schützen versuchen, nichts hilft, auch meine Erstbegehung des Urwalds mit einem Regenschirm nicht, nur Matildo bleibt einigermaßen trocken, er hat sich ganz schnell aus Blättern einen Helm und einen Umhang gebastelt. Bei uns laufen sogar die Gummistiefel voll. Der Pfad ist zu einer einzigen glitschigen Masse geworden, und zu allem Überfluss nehmen Maria, Iris und Kathleen unfreiwillig auch noch ein Schlammbad. Als wir die Lodge erreichen, regnet es nur noch leicht, und um 14:30 wollen wir uns noch einige Kilometer auf dem Rio Anzu in Autoschläuchen treiben lassen, doch hat keiner so richtig Lust dazu, solange es noch regnet. Gott sei Dank, denn auf einmal sehen wir, wie der Fluss in Minutenschnelle zu einem reißenden, roten Wasserungetüm ansteigt. Wären wir jetzt in Schläuchen auf dem Wasser, es wäre lebensgefährlich. Dass der Fluss auch bei ruhigem Wasser nicht ungefährlich ist, erfahren wir in der Lodge, seit gestern wird ein 18-jähriger Engländer einer anderen Reisegruppe beim Baden unterhalb der Lodge vermisst. Erst als wir wieder in Deutschland sind, erfahren wir, dass seine Leiche Tage später gefunden wurde.
So verbringen wir einen geruhsamen Hängemattennachmittag in der Lodge und auch am Abend passiert nichts Besonderes, wenn man mal von dem Besuch einer Vogelspinne absieht.
 
10. Tag Samstag
Zum Frühstück um 6:30 Uhr gibt es heute Spiegelei mit panierter Kochbanane - einfach gut. Wir fahren heute mit dem Bus zu einem Urwaldreservat. Die Lodge ist seit kurzem auch mit dem Bus über eine neue Strasse zu erreichen - leider. Die heutige Wanderung läuft nun schon im gewohnten Rahmen ab - dieses Mal allerdings ohne Regen. - Matildo erklärt die Pflanzen des Waldes und was man aus ihnen herstellen kann, und heute stürzt zur Abwechslung einmal Gisela auf dem Rücken mit dem Kopf nach unten einen Schlammhang hinunter. Ihr passiert weiter nichts, nur ihre Kleidung kann danach an jedem Waschmitteltest teilnehmen. Am Ende unserer heutigen Wanderung erreichen wir eine Auswilderungsstation für geschützte Tiere. Sie wurden Wilderern abgejagt oder auf Märkten beschlagnahmt und sollen hier auf ihre Freilassung vorbereitet werden. Bei dem Krach den unsere doch recht große Gruppe auf den Wanderungen veranstaltet, ist dies die einzige Möglichkeit überhaupt Tiere zu sehen.
Danach fahren wir noch mit zwei Booten auf dem Rio Jatunyacu zu einer Indianersiedlung. Dort bekommen wir ihre unterschiedlichen Jagdmethoden erklärt und dürfen uns anschließend selbst im Blasrohrschießen versuchen. Dann biegen wir mit den Booten in den Rio Napa ab. Was wäre es hier so schön, könnte man die Ruhe der Natur genießen, doch leider sind die Boote mit Yamaha Motoren ausgestattet, die solch einen Höllenlärm veranstalten, dass man kaum seinen Nebenmann verstehen kann, geschweige denn etwas von den Urwaldgeräuschen mitbekommt.
Nach einer ¾ Stunde treffen wir an einer Landungsstelle wieder auf unseren Bus. Unser Reiseleiter lädt uns ein, ein Stück auf dem Busdach mitzufahren, was auch ein paar Mutige -in der Mehrzahl Frauen - annehmen. Aus dem Stück werden dann 40 km, die wir uns krampfhaft auf einem ungemütlichen Gepäckeisengitter sitzend und festhaltend durchstehen. In Deutschland wären alle Polizeistreifen hinter uns her, und wir wären die Hauptattraktion jeder Verkehrsfunkmeldung.
Dies war unser letzter Tag im Urwald, dessen Pflanzenvielfalt und Wildheit uns begeistert hat, wenn wir auch mehr Blütenpflanzen erwartet haben. Leider haben wir keine große Hoffnung, dass diese Naturlandschaft noch lange so erhalten bleibt, wenn man die Waldrodungen und das sich Ausbreiten der Siedlungen sieht, und wenn dann gar noch Erdöl gefunden wird, hilft es auch nicht wenn das Gebiet ein Nationalpark ist, dann wird dieser einfach verkleinert.
 

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